zur Verfügung gestellt von Kathrin Günther


"So drunter und drüber mit den Meldungen oder Veränderungen ging es hier noch nie. Es ist alles immer ... verrückter. Also Maus, Zivilerlaubnis für Urlaub und Ausgang nun offiziell auch für uns Wachtmeister, toll was? ...

Übrigens hatte ich mal wieder keine Zeit, Dir fix ein paar liebe Zeilen zu schreiben.

Um 3:00 früh morgens wollten wir ja eigentlich mit unseren Panzerchen rausfahren. "Leider" ging unserer aus und war einfach nicht mehr zum Anspringen zu bewegen. Mußten wir 3 also dableiben, "schade". Nach dem Mittag sollten wir dann aber doch mit dem LKW hinterher, nach 2 h wurde das dann widerrufen, also doch hierbleiben. Nach wieder zwei Stunden wieder raus aus den Kartoffeln, wir bleiben hier, gehen aber dafür zum Berliner OGS und laden einen Zug ab. Der erste Gedanken "BANANEEEE". Leider war es aber nicht so. Ein Zug mit sauer eigelegten Paprika aus Bulgarien war irgendwo unschön gebremst worden. So war alles durcheinander geplumpst. So viel Paprika mußten wir wegwerfen, da die Gläser zerklatscht waren. Mir tat es in der Seele weh. Leider war uns strickt untersagt, was mitzunehmen. Von Essen hatte aber niemand was gesagt. Ein riesiges Gelände mit allem, was das Herz begehrt. Wir haben auch alles probiert, Äpfel, Pampelmusen, Mandarinen, Apfelsinen auch ein paar Bananen haben wir gemopst. ... Wahrscheinlich müssen wir das jetzt öfter machen. Die Arbeiter wurde bisher von Assis ... unterstützt. Die sind je nun jetzt alle gen Westen.

...

Ich muss sehen, was sich machen lässt, vielleicht bekomme ich es doch noch in die Reihe mit meinem Pass, so daß ich wenigstens im Ausgang mal rüber kann und die 100,- holen, mal sehen.

...

Mensch Mausie, das ist ja toll, ich kann's gar nicht glauben, bis in Würzburg wart ihr. Ach, ich bin so neugierig, mich mit Dir zu unterhalten. Du hast ja morgen Urlaub, ich versuche es gleich Vormittag. Bin richtig aufgeregt, wie hat es Dir gefallen, meine Mutter war ja merklich jetzt noch total aus dem Häuschen. Ach hoffentlich erreiche ich Dich..."

 

Erinnerungen: Haut sie tot, die grüne Sau!

von Kathrin Günther


Mein Mann war zur falschen Zeit am falschen Platz, seine anderthalbjährige Einberufung zum Grundwehrdienst der DDR erfolgte im Mai 1989 zur Bereitschaftspolizei. 5 Monate später stand er mit vielen anderen jungen, unerfahrenen Männern in grüner Polizeiuniform auf der falschen Seite der Straße. Ohne je die Möglichkeit einer anderen Wahl gehabt zu haben, stand er für die Machtpräsenz des DDR-Staatsapparates.

Während dieser Zeit bangte ich täglich um meinen Mann, hoffte, dass die Situation nicht eskalierte und die "bewaffneten Organe" weiterhin "unbewaffnet" zu ihren Einsätzen ausrücken würden. Die jungen Leute wurden beschimpft, angespuckt und mit allen möglichen Gegenständen beworfen. Sie mussten auf Befehl aufmarschieren. Sie wären lieber weit weg bei ihren Familien gewesen.

Mit Sprüchen wie: "Die (Demonstranten) schlagen euch tot, wenn ihr euch nicht wehrt!" oder "Wollt ihr am Grab eines toten Kameraden stehen?" schürten die Befehlshabenden die Angst und den Hass. Sie manipulierten mit einseitigen Informationen. Durch die Briefe meines Mannes sah ich vieles aus einer anderen Perspektive. Jede Zeile voller Belanglosigkeiten und alltäglichem Kleinkram des Kasernenlebens war für mich die pure Erleichterung. Die Angst um meinen Mann war einen Brief lang gebannt.

Im Brief wird mit einem Satz über die offizielle Erlaubnis berichtet, dass man in ziviler Kleidung und nicht mehr in Uniform mit der Bahn nach Hause fahren darf. Das klingt nicht so spektakulär, oder? Die jungen Männer mussten bis dahin bei jedem Urlaub 6-8 Stunden in der grünen Uniform mit der Bahn nach Hause fahren. Im Herbst 1989 war die Uniform in der Bevölkerung verhasst. Sie wurde zum "roten Tuch" für Studenten, Arbeiter, Punks, Mütter mit Kinderwagen. Meistens blieb es bei Pöbeleien, aber manchmal war es besser, schnell und sportlich zu sein. So musste mein Mann, immer noch befehlsweise uniformiert, nach einem Kurzurlaub auf Leipzigs Bahnschienen davonrennen, als es zur Konfrontation mit einer Horde Fußballfans kam, die lauthals grölten:"Haut sie tot, die grüne Sau!"Für mich war es eine große Erleichterung, dass mein Mann in Jeans und Hemd nach Hause fahren konnte, es war eine Sorge weniger.

Events

Mai
25

25.05.2019 18:00 - 19:00

Deprecated: Non-static method modJellySideMenuHelper::getStart() should not be called statically in /mnt/webs/d2/02/52102502/htdocs/kirchengemeinde-suhl/modules/mod_jelly_sidemenu/mod_jelly_sidemenu.php on line 94