Greifbares: Reisepässe der DDR

Erinnerungen: Die Wende verpasst


von Friedemann Heinrich
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Von 1985-89 war ich Student am freikirchlichen Theologischen Seminar in Buckow. Wir erfuhren von der Möglichkeit, dass einmal ein Student ein Jahr Zusatzstudium am Internationalen Theologischen Seminar in Rüschlikon, Schweiz, machen könnte.

Die Möglichkeit zu einem solchen Aufenthalt im „NSW" (Nicht-sozialistische Länder und Westberlin) war die absolute Ausnahme und wurde nur genehmigt, wenn jemand Dienst in der NVA (Nationale Volksarmee) geleistet hatte, verheiratet war und der Partner („als Sicherheit") in der DDR zurückblieb.

Die ersten zwei Bedingungen erfüllte ich. Die Zeit der Trennung wollten meine Frau und ich in Kauf nehmen. Dabei war nicht so sehr das Studium, als die Horizonterweiterung im westlichen Ausland das entscheidende Kriterium.

Da in Rüschlikon oft auch die Ehepartner mitstudierten, beantragten wir gemeinsam als Ehepaar die Ausreise. Zwei Jahre lief der Prozess der Beantragung auf höchster Ebene über unsere Kirchenleitung und das Staatssekretariat für Kirchenfragen.

Wir versuchten, in dieser Zeit nicht aufzufallen, um die Genehmigung nicht zu gefährden. Im Frühjahr 1989 gingen wir brav zur Wahl – alles andere wäre als Protest gegen die DDR gewertet worden und hätte vielleicht die Ausreise verhindert.

Im Juni ´89 erhielten wir tatsächlich beide die Pässe mit Ausreisevisum der DDR (mehrfache Aus-und Einreise!) und Einreisevisum für die Schweiz. Wahrscheinlich war die DDR nicht sehr interessiert an zwei kirchlichen Mitarbeitern. Meine Frau war Kinderdiakonin.

Um die internationale Bahn-Fahrkarte zu erhalten, mussten wir zum Bahnhof Oberhof fahren, nur dort war in ganz Süd-Thüringen die Ausstellung möglich.

So reisten wir am 25.07.1989 in die Schweiz. Am ersten Tag in Rüschlikon: Baden im Zürichsee. Auf der einen Seite der Blick auf die Stadt, auf der anderen Seite das Bergpanorama. Was für ein Gefühl von Freiheit!

Kaum in Rüschlikon angekommen, erfuhren wir von den zunehmenden Ausreisen über Ungarn, Botschaftsbesetzungen und Demonstrationen. Wir verpassten die Wende in der DDR. Aber wir beobachteten sie im internationalen Umfeld:

· Die Amerikaner, die noch begeisterter über den „Fall des eisernen Vorhangs" wirkten als alle Deutschen und sich jeder sein Mauerstück sicherten.

· Der Tscheche, der um die Jahreswende 89/90 fürchtete, dass sich in seinem Heimatland nie etwas ändern würde.

· Die Studenten aus Myanmar, die ganz andere Sorgen um ihre Heimat hatten.

· Die Schweizer, denen bange war vor einem größeren und stärkeren Deutschland...

Wie geplant kamen wir Ende Mai 1990 zurück. Die erste Arbeit meiner Frau war als Hilfskraft in der Sparkasse bei den Umstellungen zur Währungsunion.

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